Meine Krankheit

Für viele ist es sicher interessant zu lesen, wie es jemandem geht, der mit Hodenkrebs diagnostiziert wird. Für diese Leute habe ich hier meinen Weg niedergeschrieben.

Die Diagnose 

Eines Tages als ich gerade vom Training nach Hause kam und mich duschte tastete ich auf Anraten eines befreundeten Arztes gewohnheitsmäßig meine Hoden ab. Doch diesmal fühlte sich der linke Hoden etwas anders an. Es war, als wären kleine knöcherne Knötchen an der Außenwand des Hodens vorhanden. Auch wirkte es, als wäre mein linker Hoden leicht größer als mein rechter.

Da ich schon einmal über Krebs bei jungen Patienten und deshalb auch über Hodenkrebs gelesen hatte, war ich beunruhigt und suchte meinen Urologen schon am nächsten Tag auf. Der führte eine Ultraschalluntersuchung durch und es erhärtete sich der Verdacht auf Hodenkrebs. Schon am übernächsten Tag lag ich im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder bereit für die Operation. Ich wäre schon einen Tag früher operiert worden, aber meinen Führerschein wollte ich unbedingt haben und siehe da bei diesem dritten Anlauf war die begehrte rosa Karte tatsächlich mein eigen.

Die Operation und die bange Zeit danach

Die Orchiektomie (Entfernung des Hodens) verlief komplikationslos und bis auf die üblichen Operationsschmerzen hatte ich keinerlei Probleme. Was aber viel schwerwiegender war als die Schmerzen war das Warten auf den endgültigen histologischen Befund (Gewebsbefund des Tumors), denn von ihm hängt ab, wie die Krankheit weiter behandelt wird. Sieht der Befund gut aus, ist man mit Operation und entsprechender Nachsorge fertig. Sieht der Befund schlecht aus (d.h. ist die Tumorart undünstig und/oder der Tumor schon weiter fortgeschritten) wird entweder Strahlentherapie (seminomatöse Keimzellentumore) oder Chemotherapie hinten angeschlossen. Hat der Tumor noch keine Metastasen gestreut, so nennt man die Behandlung adjuvant.

In meinem Fall war leider eine Chemotherapie notwendig. In dieser Zeit waren meine Freunde eine riesige Unterstützung - hier ein großes Dankeschön an euch!

Die Chemotherapie

Abhängig vom Staging (d.h. wie weit die Krankheiten fortgeschritten ist) wird die Anzahl und Intensität der Chemotherapiezyklen festgestzt. In meinem Fall wurden zwei nach dem so genannten BEP-Protokoll (Bleomycin/Etoposid/Cisplatin) durchgeführt.

Auch wenn eine Chemotherapie vom einen besser vom anderen schlechter vertragen wird, so ist sie in keinem Fall eine Behandlung, die man einfach so einsteckt. Besonders nicht, wenn es sich wie in meinem Fall um eine stationär durchgeführte handelt. Bei der BEP-Therapie hängt man jeden Tag über acht Stunden an Infusionen und man merkt jeden Tag wie man schwächer wird. Dabei sind zwei Dinge wichtig, um nicht tief in Depressionen zu versinken: Kampfgeist und Unterstützung. Wer sich im Krankenhaus gehen lässt, der wird innerhalb kürzester Zeit zu einem Schatten seiner selbst - psychisch wie physisch.

Ich selbst hatte auch noch stark mit Übelkeit zu kämpfen, obwohl ich mehrere Medikamente gegen sie eingenommen habe. Bevor diese Medikamente entwickelt wurden, mussten Leute die nach diesem Schema behandelt wurden sich rund um die Uhr übergeben. Ich möchte gar nicht daran denken, wie es mir ohne diese Medikamente gegangen wäre. Hier sieht man wieder, dass es in der Medizin großartige Fortschritte gibt, auch wenn es noch viel zu tun gibt.

DrMariaDeSantis

Im Krankenhaus geschwächt und rot wie eine Tomate von der Chemotherapie, aber noch immer gut gelaunt. Neben mir meine behandelnde Ärztin Frau Dr. DeSantis.

Die Zeit nach der Chemotherapie

Diese Zeit ist eine der schwierigsten der ganzen Therapie. Ich würde sogar soweit gehen, dass es die schwierigste ist. Man wurde durch seine Krankheit völlig unvorbereitet aus dem normalen Leben gestoßen und muss nun langsam wieder seinen Rythmus finden. Hier ist es extrem wichtig, dass die Mitmenschen einen unterstützen. Gerade wenn der Körper nicht so mitspielt, wie man es sich wünscht. Bei mir beispielsweise machte das Immunsystem Probleme. Nach jedem Chemotherapiezyklus war meine körpereigene Abwehr so stark eingeschränkt, dass ich praktisch automatisch krank wurde - zusätzlich zu den anderen Nebenwirkungen wie Übelkeit, Schwindel, Durchfall und vieles mehr.

Außerdem sollte man etwas zu tun haben, denn sonst beginnt man zu sehr über seine Krankheit nachzudenken. Das hat nichts mit Verdrängen zu tun, so lange man daneben noch seine Krankheit verarbeiten kann. Und last but not least darf man nicht ungeduldig werden. Es dauert bis sich der Körper von den Strapazen der Behandlung erholt hat und diese Zeit muss man seinem Körper auch geben. Gerade das war für mich eine große Herausforderung.

Haarausfall1

Eine Nebenwirkung, an die ich vorerst gar nicht dachte: der Haarausfall. Die Haare sind praktisch an einem Tag büschelweise ausgefallen.

 Wie steht es heute um mich

Medizinisch gesehen gelte ich heute als geheilt. Allerdings muss ich zu einer engmaschigen Nachsorge, um rechtzeitig etwaige Rezidive zu erkennen und zu behandeln. Gerade diese Angst vor einem Rückfall macht vielen Menschen Angst - auch mir. Doch man muss lernen mit ihr umzugehen und so etwas gelingt nur mit viel Zeit.

Bei allen Schattenseiten hat die Krankheit für mich auch etwas Gutes gehabt. Ich war im Krankenhaus mit so vielen Schwerkranken beisammen, die trotz ihrer Situation den Lebenswillen nicht verloren haben. Das hat mich beeindruckt und mich daran erinnert, was im Leben für mich wirklich zählt. Auch habe ich gesehen, dass man auch auf menschlicher Ebene ein guter Arzt sein kann, selbst wenn man viel zu tun hat. Meine behandelnde Ärztin schaffte es, jedem Einzelnen auf ruhige, kompetente und vor allem einfühlsame Weise seine Lage zu erklären, ohne sie schön zu reden. Und das ist wichtig, gerade bei Leuten, die eine noch schlimmere Diagnose als ich haben. Ein solcher Arzt möchte ich später selbst einmal werden und das hätte ich ohne meine Erkrankung wohl nicht gelernt.

 

Bernhard Hölzl

 

 




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